Das Schiffer-Berufskolleg RHEIN in Duisburg Homberg

Buch von Hans-Günter Portmann: Geschichte der Binnenschiffer-Ausbildung in Duisburg - Von der Dorfschule zum Bildungszentrum

Anzeige
Stromschifferschule im alten Ruhrorter Rathaus um 1900  © AWD Druck + Verlag GmbH, Alsdorf.
Stromschifferschule im alten Ruhrorter Rathaus um 1900 © AWD Druck + Verlag GmbH, Alsdorf.

Den ehemaligen Schulleiter des Schiffer-Berufskollegs RHEIN in Duisburg-Homberg, Hans-Günter Portmann, hatte nach seiner Pensionierung die Binnenschifffahrt nicht losgelassen. Neben Reisen im Auftrag der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Sachen Binnenschifffahrtsausbildung beschäftigte er sich auch mit der Geschichte der Schiffer-Berufsschule. Die Geschichte „seiner“ alten Schule reicht weit über das hinaus, was 1949 als Schulbetrieb nach dem Krieg im damals selbstständigen Homberg (Kreis Moers) wieder aufgenommen wurde. Dass diese Schule zu einem Aushängeschild Duisburgs wurde, ist nicht zuletzt Portmanns Verdienst und seine Hinterlassenschaft aus dreizehn Jahren Schulleitung, in der er dem schulischen Teil der Schiffer-Ausbildung in Duisburg seinen Stempel aufgedrückt hat. Ein Verdienst im Übrigen, für den der Verband Duisburger Bürgervereine Hans-Günter Portmann im Jahr 2012 mit dem Bürgerehrenwappen ausgezeichnet hat.

Als sich im Zuge der Industrialisierung die Anforderungen an die Binnenschiffer erhöhten, entstanden die ersten deutschen Schifferschulen: Ab 1855 in Sachsen (Elbeschiffer-Fachschulen), später dann auch in Preußen. Mit der Schifferschule in Ruhrort entstand erst 1892 die erste Schifferschule im (damals noch preußischen) Rheinland. Unterrichtet hat man damals nur im Winter, wenn die Schifffahrt wegen Eisgang still lag. Die Ansprüche an eine Ausbildung waren berechtigt, vertraute man den Schiffern doch Werte in Form von Schiff und Ladung an, die man nicht verlieren wollte. Die Industrialisierung ließ den Wert von Schiffen und Ladung ebenso steigen wie den Schiffsverkehr. Die Schiffe wurden größer, Transporte anspruchsvoller. Sollten Binnenschiffer diesen wachsenden Ansprüchen gerecht werden können, musste man sie ausbilden: Diese Erkenntnis setzte sich Mitte des 19. Jahrhundert so weit durch, dass man begann, entsprechende Einrichtungen zu etablieren. Die Entwicklung der Binnenschifferausbildung in Duisburg ist dabei eingebettet in die Entwicklung der Schifferausbildung in Deutschland und Europa, aber natürlich auch an die Gegebenheiten am Rhein, an dem zu dieser Zeit noch die Preußen das Sagen hatten.

Anzeige

Moderne Schule bietet unterschiedliche Abschlüsse an
Neben den Anfängen der Schifferausbildung in Deutschland erforschte er die Ursprünge seiner Schifferberufsschule, die seit 2006 neben ihren traditionellen Bildungsgängen Binnenschiffer und Boots-/Schiffbauer (seit 1999) auch die Fachkraft für Hafenlogistik ausbildet. Als im Jahr 1892 die erste Binnenschifferschule in Duisburg gegründet wurde, diente sie primär der Erlangung des Schifferpatents. Von Ruhrort zog diese Schule nach dem Zweiten Weltkrieg auf die andere Rheinseite nach Homberg, wo sie nach verschiedenen Standortwechseln seit 1989 am Bürgermeister-Wendel-Platz (früher: Kaiserplatz) beheimatet ist. Eine klassische Berufsausbildung mit Lehrvertrag, Ausbildungsordnung und Abschlussprüfung gibt es erst seit 1936. „Diese Ausbildungsordnung wurde erst in meiner Zeit als Schulleiter modernisiert“, erzählte Portmann. Neben den normalen Berufschulklassen bietet das Schiffer-Berufskolleg RHEIN auch seit einigen Jahren Berufschulklassen für Binnenschifffahrts-Azubis an, die bei entsprechender Vorqualifikation zur Erlangung der fachbezogenen Hochschulreife (Fach-Abitur) führen. Der Lehrlingssuche von Partikulieren und Schiffseignern hat es mit Sicherheit nicht geschadet, ihren Azubis höherwertige Abschlüsse anbieten zu können.

Die Geschichte der Binnenschifferausbildung in Deutschland ist in erster Linie eine Duisburger Geschichte, denn einen besseren Standort als im Zentrum der Binnenschifffahrt konnte es dafür nicht geben. Dieser Meinung waren schon die Preußen, was zur ersten Schulgründing 1892 damals noch in Ruhrort geführt hatte. „Ohne die Unterstützung der Verbände der Binnenschifffahrt und der Stadt Duisburg wäre die Entwicklung der jetzigen Schule in Homberg nicht möglich gewesen“, bekräftigte Hans-Günter Portmann. Neben dem Schiffer-Berufskolleg RHEIN mit dem angegliederten Schulschiff RHEIN im Homberger Stadthafen gibt es heute in der Binnenschiffer-Ausbildung lediglich eine Fachklasse an einem Berufskolleg in Schönebeck bei Magdeburg. Pro Jahr verlassen rund 100 Bootsjungen und Bootsmädchen nach ihrem Abschluss das Duisburger Schiffer-Berufskolleg RHEIN.

Anzeige

Nicht nur lokal und für Bildungshistoriker interessant
Dieses Buch geht weit über das hinaus, was an lokaler Entwicklung oder für Bildungshistoriker interessant sein könnte. Denn natürlich sind diese Entwicklungen in einem Kontext zu sehen, den Portmann hier ebenfalls herausarbeitet. So wird der Einfluss politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen klar, die über das Rheinland und Deutschland mittlerweile nicht nur Europa erfassen. Das Buch ist eine schöne Ergänzung zur Chronik „300 Jahre Duisburger Hafen“, geht es über die lokalen Gegebenheiten und den Duisburger Hafen weiter hinaus. Aber auch lokal geht Portmann an vielen Stellen noch weiter in die Tiefe als die Hafen-Chronik: Die vielen alten Firmennamen und ihren Anteil an der Entwicklung zeichnen auch die Geschichte der Stadt nach.

Immer wieder zitiert Portmann zeitgenössische Texte: Briefe, Dokumente aber auch Erzählungen aus dem Schulleben. Andere Stimmen und andere Aspekte fließen hierdurch ein. Faszinierende Einblicke geben auch zum Beispiel die Lehrpläne der Schifferschule sowie Daten und Fakten über verschiedenen Schulen und deren Schulbesuch. Mit sinkenden Schülerzahlen aus der näheren Umgebung und mehr Schülern aus anderen deutschen Ländern (heute würde man Bundesländer sagen), ergab sich das Problem der Unterbringung: eine Art Internat musste her, wo die Schüler während ihres Blockunterrichts wohnen konnten. Als erstes Schulschiff wurde schon 1937 die „Duisburg“ (ein umgebauter Dampfer der Franz Haniel Cie.), das seinen Liegeplatz im Ruhrorter Kaiserhafen bekam, für fachpraktischen Unterricht sowie die gemeinsame Unterbringung der Schiffsjungen (damals noch keine Mädchen) angeschafft, die in 10-Wochen-Intervallen (heute ca. 13 Wochen) die Schifferschule besuchten. Seit 1996 kommen die Schüler sogar aus der Schweiz, nachdem die dortige Schifferberufsschule dicht gemacht worden war.

Werbung um Nachwuchs in der Binnenschifffahrt
Viele Schiffsjungen (und m mittlerweile auch Schiffsmädchen) stammen aus Binnenschifferfamilien. Allerdings konnte aus diesen Reihen allein selten der Bedarf an Binnenschiffer-Nachwuchs gedeckt werden. Schon in den 1930-er Jahren machte die Branche Werbung für die Binnenschifferausbildung. Auch in späteren Jahrzehnten wurde Nachwuchssicherung immer wieder ein Thema, wie Portmann in seinen Ausführungen darlegt. Berufe in der Flussschifffahrt haben „Landratten“ eher selten im Blick, wenn es um eine Berufsausbildung geht. Werbekampagnen und Musterlehrverträge zeigen die Anforderungen und die Berufsentwicklung über die 125-jährige Geschichte der Binnenschifffahrtsausbildung in Duisburg, die heute auch praktisch zum Beispiel mit Schiffsmotoren, einem Radar-Fahrsimulator oder Schulungsmöglichkeiten im Gefahrgut-Bereich gut und zukunftsfähig aufgestellt ist.

Apropo Schiffsmädchen: Als „Margot“ 1965 ihre Binnenschiffer-Ausbildung anfing, durfte sie nicht zur Berufsschule, weil Mädchen damals noch nicht aufgenommen wurden. Damals unterrichtete sie ihr Vater, ein Binnenschiffer. Und das, obwohl es schon 1961 geheißen hatte: „mit Mädchen ist zu rechnen“, wie in Portmanns Buch nachzulesen ist. Erst Ende der 1990-er Jahre wurden auch Schiffsmädchen am Schiffer-Berufskolleg angenommen: Sie sind aus der Binnenschifferausbildung mittlerweile ebenso wenig wegzudenken wie aus dem Schiffer-Berufskolleg, auch wenn sie immer noch eine Minderheit der Auszubildenden und Schüler stellen.

Neuanfang nach 1945 in Homberg
Nach dem Zweiten Weltkrieg gliederte man die neu gegründete Berufsschule für die Rheinschifffahrt zunächst an die Gewerbliche Berufsschule Homberg an. Die neue Schifferberufsschule RHEIN (heute: Schiffer-Berufskolleg RHEIN) nahm 1949 ihren Betrieb auf. Die Schule bekam dann auch ihr Schulschiff zurück, welches nun in Anlehnung an den Schulnamen auf den Namen „Rhein“ getauft wurde. In der Trägerschaft des Arbeitgeberverbandes der deutschen Binnenschifffahrt e. V. (heute: Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt e.V.) baute man es zum modernen Internatsschiff mit Schulungsräumen um, welches im Homberger Stadthafen (Eisenbahnhafen) vor Anker ging. Zum Schulschiff RHEIN (später RHEIN I) gesellte sich ab 1984 die größere RHEIN II, die nach Kapazitätserweiterungen nun alleine im Stadthafen liegt.

Interessant für allgemein geschichtlich Interessierte ebenso wie für Lokalhistoriker, aber auch Menschen, die sich für die Geschichte des Bildungswesens oder die Geschichte der Binnenschifffahrt interessieren: Von den vielen Teilaspekten kann jeder von ihnen für sich eine ganze Menge mitnehmen. Es ist ein Buch zum Schmökern, keines, was man in einem Rutsch (auch nicht in mehreren) am Stück lesen kann. Es lädt eher ein, immer wieder einzelne Kapitel, einzelne Begebenheiten rauspicken. Was fehlt, ist eine kurze, vielleicht zwei- oder dreiseitige Chronik mit den wichtigsten Jahreszahlen zu Meilensteinen in der Schifferausbildung in Duisburg zum Abschluss des Buches. Der Überblick geht über die lange Lektüre ja doch ein wenig verloren.

Hans-Günter Portmann: Von der Dorfschule zum Bildungszentrum
Als Mann der Praxis hatte Portmann eine Ausbildung zum Schiffbauer gemacht, bevor er nach seiner Dienstzeit bei der Marine und einer Hochschulreife über den Zweiten Bildungsweg ein Studium aufnahm: zunächst Schiffstechnik, später Lehramt. Seine erste Stelle trat er 1975 im Robert-Bosch-Berufskolleg in Duisburg-Hamborn an, wo er die Berufsschule für Boots- und Schiffsbauer aufbaute, die er 1999 mit an das Schiffer-Berufskolleg RHEIN (SBKR) in Homberg nahm, als er dort seine Stelle als Schulleiter antrat. Das Schiffer-Berufskolleg RHEIN baute er in seinen 13 Jahren als Schulleiter zur führenden Ausbildungseinrichtung nicht nur in Deutschland, sondern in Europa auf. Gut vernetzt ist die Schule europaweit in Aus- und Weiterbildungsinitiativen.

Das 560 Seite starke Buch über die Entwicklung der Binnenschifferschule vom 19. bis in das 21. Jahrhundert ist mit festen Einband (Format 24 x 29 cm) erschienen bei der AWD Druck + Verlag GmbH, Alsdorf (bei Aachen). Zum Preis von 39 Euro ist das Buch im lokalen Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-937062-570).

Petra Grünendahl

Redakteur bei Rundschau Duisburg
Freie Journalistin
Heinrich-Heine-Universität
Mitglied im  DJV-NRW
Verband der Motorjournalisten e.V.
Presseverein Niederrhein-Ruhr e.V.

Facebook Diskussionen

FB Kommentar

Leave a Reply

Your email address will not be published.

*