Journalistentag NRW 2017 in Duisburg: „Oberflächlichkeit kostet Glaubwürdigkeit“

Gut 450 Journalisten und Medieninteressierte besuchen heute den Journalistentag NRW im Landschaftspark Duisburg-Nord. In 21 Panels, Werkstattgesprächen und Workshops diskutieren mehr als vierzig Expertinnen und Experten über aktuelle Themen der Branche.

Der Journalistentag 2017 startete mit ener Impuls-Runde auf dem Podium (v. l.): Florian Gregorzyk, Sophie Burkhart, Marie Illner und Moderatorin Andrea Hansen. Fotograf: Udo Geisler.
]„Man wirft einfach einen Dartpfeil auf eine Stadtkarte und sucht genau da nach einer Geschichte“ – die freie Journalistin Marie Illner wünscht sich mehr Mut im journalistischen Arbeitsalltag. Im Impuls zum Journalistentag hat sie sich zusammen mit Vlogger Florian Gregorzyk und Sophie Burkhart von Funk mit der Frage beschäftigt, wie Journalisten in Zukunft arbeiten wollen. Das Arbeitsumfeld müsse stimmen, waren sich alle einig: Mehr Vielfalt in den Redaktionen, mehr Zeit für Recherche und Faktencheck, mehr Mut und Freiräume, um neue Geschichten zu entdecken. Mehr Offenheit und Austausch zwischen Jung-Journalisten und den älteren Kollegen, um neue Formate zu entwickeln und auch jüngeres Publikum zu erreichen. Dazu auch mehr Geld für freie Journalistinnen und Journalisten, damit sie tatsächlich auch kreativ sein und etwas ausprobieren können.

Die Gegenwart: alles muss möglichst schnell gehen, über den Sender, in das Redaktionssystem, auf Twitter… Da fehle es oft an der notwendigen Zeit für Recherche und Einordnung, sagte Frank Stach, Vorsitzender des DJV-NRW „Hier müssen wir durchaus gegenarbeiten, Oberflächlichkeit kostet Glaubwürdigkeit. Das können wir uns nicht mehr leisten“, lautet sein Appell an alle Medienschaffenden.

Die journalistische Glaubwürdigkeit wird heute gleich in mehreren Expertenrunden thematisiert: Da geht es um Content Marketing, der nicht mehr von redaktionellen Texten zu unterscheiden ist, um Tools, mit deren Hilfe man im redaktionellen Alltag besser auf Falschmeldungen reagieren oder sie entlarven kann. Der Umgang mit Fakten in der Berichterstattung über landwirtschaftliche Themen berührt ebenfalls die Glaubwürdigkeit.

Der Journalistentag 2017 im Landschaftspark Nord startete mit ener Impuls-Runde auf dem Podium. Fotograf: Udo Geisler.
Weitere wichtige Themen beim Journalistentag NRW sind die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Bedeutung der Medien bei der Integration Geflüchteter, der Stand der Pressefreiheit bei uns in Deutschland und in anderen Ländern. Mit einer #FreeDeniz-Lesung zum Abschluss des Branchentreffens will der DJV-NRW die im Ausland inhaftierten Journalistinnen und Journalisten unterstützen.

Mehr Vielfalt in den Redaktionen, was Geschlecht, Interessen und Alter der Journalistinnen und Journalisten betrifft, mehr Austausch zwischen jungen und erfahrenen Kollegen, bessere Arbeitsbedingungen, auch damit wieder mehr Nachwuchs in die Branche kommt – das sind Forderungen, die in vielen Diskussionsrunden beim Journalistentag des DJV-NRW erhoben worden sind. Immer vor dem Hintergrund, den Journalismus zukunftsfähig zu machen.

„Ich bin begeistert, wie viele junge Leute gekommen sind. Das zeigt, dass wir mit unseren Themen den richtigen Weg eingeschlagen haben“, zog Frank Stach, Vorsitzender des DJV-NRW, eine positive Bilanz. Gut 550 Journalisten, Studenten und Medieninteressierte haben heute (18.11.2017) den Journalistentag NRW im Landschaftspark Duisburg-Nord besucht.

In den 21 Panels, Workshops und Werkstattgesprächen ging es auch um die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks; angesichts aktueller Vorschläge, gleich ganze Sender abzuschaffen, ein heiß diskutiertes Thema. Tabea Rößner von den Grünen sagte dazu: „Wir müssen den öffentlich-rechtlichen Auftrag erst einmal richtig diskutieren, bevor wir den Deckel draufsetzen. Wir brauchen eine öffentliche Debatte und leider findet die viel zu wenig statt.“ Elmar Theveßen, stellvertretender Chefredakteur des ZDF, betonte: „Die wahre Bedrohung kommt nicht von denen, die Journalismus machen, sondern eher von den Googles und Facebooks dieser Welt, die nach Algorithmen Informationen verbreiten und nicht nach journalistischen Gesichtspunkten.“

Die bedrohte Pressefreiheit war Thema in einem weiteren hochkarätig besetzen Forum. Da ging es auch um die Gefahr für Journalisten in aller Welt, hauptsächlich aber um die Türkei. SWR-Korrespondent Reinhard Baumgarten schilderte die dortigen Arbeitsbedingungen für Journalisten. Andreas Artmann (Reporter ohne Grenzen) berichtete von einem Kollegen, der wegen eines Tweets drei Monate in der Türkei im Gefängnis saß. Er bat alle Anwesenden, Tweets mit dem Inhalt „Liebe Türkei, lasst die Pressefreiheit in Ruhe!“ zu verschicken: „Jeder Tweet kann helfen.“ Amke Dietert von Amnesty International hatte Postkarten an den türkischen Justizminister mitgebracht, die die Besucher des Journalistentags verschicken konnten.

Auch der DJV-NRW setzte sich für die 150 in der Türkei inhaftierten Journalistinnen und Journalisten ein: Er hat als Abschluss des Journalistentages eine #FreeDeniz-Lesung durchgeführt. Frank Stach, Landesvorsitzender des DJV-NRW, war es ein persönliches Anliegen, selbst auch einen Text von Deniz Yücel vorzutragen. „Journalismus ist kein Verbrechen. Wir hoffen, dass Deniz Yücel endlich frei gelassen wird!“

Der Journalistentag NRW ist zum dritten Mal im Landschaftspark Duisburg-Nord. Mit jeweils mehreren hundert Teilnehmern gilt er als eines der wichtigsten Branchentreffen für Journalisten. Er wurde erneut von der Bundeszentrale für politische Bildung gefördert. Sponsoren sind diesmal die Sparkassen in Nordrhein-Westfalen, Vonovia, Dialog Milch sowie der Westfälisch-Lippische Landwirtschaftsverband. Kooperationspartner sind die LfM-Stiftung Vor Ort NRW und die Medien-Akademie Ruhr.

– Presseinformation des DJV NRW (Deutscher Journalisten-Verband) –
Fotos: Udo Geisler