Stolpersteinverlegungen in Duisburg: Zerstörte Leben mahnen

Sie haben uns unsere deutsche Identität genommen!
Von Petra Grünendahl

Der Kölner Künstler Gunter Demnig verlegte in Neudorf Stolpersteine für die Familie Katzenstein. Foto: Petra Grünendahl.
„Deutsches jüdisches Leben ist von Bedeutung. Wir Duisburger Juden waren hier und wir sind hier: In der Struktur der Straßen, in der Luft und im Wesen dieser Stadt“, erklärte Catherine Gardner, Tochter von Kurt Katzenstein. „Unsere Körper wurden beseitigt, aber unser Bewusstsein bleibt bestehen!“ Für Kurt Katzenstein, seinen Bruder Edgar und seine Eltern, Dr. Robert und Helga Katzenstein, verlegte der Künstler Gunter Demnig (*1947) Stolpersteine vor dem Haus Ludgeristraße 16 in Neudorf, dem letzten freiwilligen Wohnsitz der Familie. Der Anwalt Dr. Robert Katzenstein war ein angesehenes Mitglied der Duisburger Gesellschaft. Er hatte eine Kanzlei auf der Königstraße. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten bekam er Berufsverbot: „Sie nahmen ihm seine Arbeit und seine Existenz“, so Gardner. In der Pogromnacht 1938 wurde Katzenstein verhaftet und in Dachau inhaftiert. Die Wohnung wurde verwüstet, Wertsachen gestohlen – und die Familie wusste wochenlang nicht, wo Katzenstein war. „Sie wussten, dass sie Deutschland verlassen mussten, um zu überleben“, sagte Gardner. Im Frühjahr 1939 verließen die Katzensteins Deutschland. Sie kehrten nie wieder zurück.

Stolpersteinverlegung für die Familie Katzenstein (v. l.): ein altes Foto von Edgar, Helga, Kurt und Robert Katzenstein. Foto: Petra Grünendahl.
Zur Verlegung der Stolpersteine für Dr. Robert Katzenstein, seine Frau Helga und Söhne Kurt und Edgar waren zwei der Kinder von Kurt Katzenstein gekommen: Catherine Gardner und ihr Bruder Simon, zusammen mit dessen Frau Linda. Kurt war von seiner Familie getrennt im April 1939 mit einem Kindertransport nach England gelangt. „Harold Abrahams, dessen Geschichte in Chariots of Fire (dt. Die Stunde des Siegers) verfilmt worden war, hatte unseren Vater aufgenommen*“, erzählte Simon Gardner. Im England hatte Kurt den Namen Kenneth Gardner angenommen, mit den deutschen Wurzeln und der Vergangenheit gebrochen. Er heiratete June, mit der er drei Kinder bekam. Kurts Eltern waren im Mai 1939 zusammen mit dem jüngeren Bruder Edgar nach Honduras (Mittelamerika) geflüchtet. Seine Familie hat Kurt nie wieder gesehen.

Auf der Suche nach den deutschen Wurzeln

Stolpersteinverlegung für die Familie Katzenstein (v. l.): Dr. Andreas Pilger (Stadtarchiv), Bürgermeister Volker Mosblech, Simon Gardner, Jörg Weißmann, Catherine Gardner und Linda Gardner. Foto: Petra Grünendahl.
„Sie haben ihm und uns unsere deutsche Identität genommen“, erklärte Catherine Gardner. „Was ist unser Erbe? Wir haben nicht einmal unsere Familiennamen!“ Mit dem Kaddisch, dem jüdischen Totengebet, beendet sie ihre bewegende Gedenkrede zur Verlegung, der neben ihren Angehörigen Jörg Weißmann, 1. Vorsitzender des Hamborner Heimatvereins als Pate der Stolpersteine, Dr. Andreas Pilger (Direktor des Stadtarchivs der Stadt Duisburg), der bei den Recherchen geholfen hatte, und Bürgermeister Volker Mosblech beiwohnten. Der Künstler Gunter Demnig war da schon zur nächsten Stolpersteinverlegung nach Ruhrort weitergezogen.

15 neue Stolpersteine an sieben Orten in Duisburg

Familie Hillmann in Ruhrort: Stolpersteinverlegungen in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
In Ruhrort betrieben die ursprünglich aus der heutigen Ukraine stammenden Jacob und Berta Hillmann ein Bekleidungsgeschäft an der Landwehrstraße 75, wo sie auch wohnten. Mit ihren drei Kindern Gisela, Edwin und Wolfgang mussten sie mehrfach zwangsweise umziehen. Schließlich war die Familie zusammen mit über 800 weiteren Menschen 1942 nach Izbica (Polen) verschleppt und dort ermordet wurden. Die Patenschaft für die Steine übernahm die Familie Daniele, zur Verlegung waren Angehörige aus Israel bekommen.

Ehepaar Brandt in Marxloh: Stolpersteinverlegungen in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
In Marxloh wohnten Erich und Else Brandt an der Bayernstraße 68. Auf der Weseler Straße 48 betrieben sie das Kaufhaus Brandt & Co. Die Nationalsozialisten deportierten sie im Oktober 1941 ins Ghetto nach Litzmannstadt (Lodz, Polen), wo Else Brandt im Juli 1942 starb. Ihren Mann Erich brachten sie ins Vernichtungslager Kulmhof (Chełmno nad Nerem, Polen), wo dieser im September 1942 starb. Auch für diese Stolpersteine übernahm der Heimatverein Hamborn e. V. die Patenschaft.

Stolpersteine für Homosexuelle

Gunter Demnig bei den Stolpersteinverlegungen für Homosexuelle in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
Nicht nur Juden oder politisch anders Denkende wurden im Dritten Reich verfolgt, sondern u. a. auch Homosexuelle. Vier Stolpersteine verlegte Gunter Demnig für Männer aus Duisburg. Sie wurden alle von der Gestapo verfolgt, verhaftet, unter Druck verhört und gaben in den Verhören die Namen weiterer homosexuell orientierter Männer preis, gegen die die Gestapo dann ebenfalls vorging. Es kam in einer Vielzahl von Fällen zu Anklagen wegen Verstoßes gegen §175 („widernatürliche Unzucht … unter Personen männlichen Geschlechts“). Den §175 gab es auch im Nachkriegsdeutschland im Strafgesetzbuch (StGB): Erst 1969 wurde er entschärft, 1994 dann endlich abgeschafft.

Walter Braumann: Stolpersteinverlegungen für Homosexuelle in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
Walter Braumann (1897-1973) wurde 1936 zu einer Haftstrafe von einem Jahr und 3 Monaten verurteilt. Nach der Haftverbüßung fand mit Hilfe seiner angesehenen Kaufmannsfamilie eine neue Arbeitsstelle und überlebte die NS-Zeit. Für den Stolperstein an der Düsseldorfer Straße 95 (heute am Kantpark) übernahm der Verein DUGay e. V. die Patenschaft.

Paul Friedrich: Stolpersteinverlegungen für Homosexuelle in Duisburg. Foto: DUGay e. V.
Paul Friederich (1909-1945) gestand in den Gestapo-Verhören 1936 eine Vielzahl von sexuellen Kontakten zu Männern. Er wurde als nicht schuldfähig eingestuft, das erste Strafverfahren eingestellt. Bei einem zweiten Gerichtsverfahren 1943 verurteilte man ihn nach §175 zur Einweisung in eine Heil- und Pflegeanstalt. Aus der Anstalt wurde er mit einer Gruppe von „40 geisteskranken Verbrechern“ (so die Aufzeichnungen) im September 1944 in das KZ Mauthausen/Österreich deportiert, wo er als „Sicherungsverwahrter“ kurz vor Ende des Krieges im März 1945 ermordet wurde. Für den Stolperstein an der Rahmer Straße 22 in Alt-Wanheim übernahm Bärbel Bas, MdB, die Patenschaft.

Alfred Ledermann: Stolpersteinverlegungen für Homosexuelle in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
Alfred Ledermann (1921-1942) wurde als „asozial und homosexuell“ bezeichnet und nach zwei Gefängnisstrafen wegen §175 in das KZ Sachsenhausen deportiert, wo er bei einer gezielten Mordaktion gegen Homosexuelle im Klinkerwerk im Sommer 1942 ermordet wurde. Für seinen Stolperstein an der Kurz-Heintze-Straße 11 in Bissingheim übernahm Michael Kleine-Möllhoff (Bezirksvertretung Duisburg-Süd) die Patenschaft.

August Zgorzelski: Stolpersteinverlegungen für Homosexuelle in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
Familie Hillmann in Ruhrort: Stolpersteinverlegungen in Duisburg. Foto: Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V.
Der bei Krupp in Rheinhausen arbeitende Schmelzer August Zgorzelski (1904-1944) wurde im August 1941 vor dem Duisburger Landgericht angeklagt und zu Gefängnishaft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung nahm ihn die Polizei in Vorbeugehaft. Es folgte die Deportation nach Buchenwald, wo er ermordet wurde. Für den Stein an der Obermauerstraße 81 übernahm ebenfalls Bärbel Bas, MdB, die Patenschaft.
Weitere Informationen findet man unter www.stolpersteine-homosexuelle.de.

Seit 2008 organisiert der Jugendring Duisburg e.V. die Stolpersteinverlegungen in Duisburg.

*) In der deutschen Wikipedia steht ja nicht so viel über Harold Abrahams, aber der englischen Wikipedia findet sich im ausführlichen Text folgendes: „During the Nazi regime and war, the couple also fostered two Jewish refugees: a German boy called „Ken Gardner“ (born Kurt Katzenstein),[19] and an Austrian girl named Minka.[20]” (https://en.wikipedia.org/wiki/Harold_Abrahams).

© 2018 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (3), Yannik Form / Jugendring Duisburg e. V. (7), DUGay e. V. (1)