Deutsche Oper am Rhein: „Der Kaiser von Atlantis“ auch online ein besonderes Erlebnis

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Gegen Willkür und Terror dem Schicksal ins Gesicht gelacht
Von Petra Grünendahl

Von links: Anke Krabbe (Mädchen), Kimberley Boettger-Soller (Trommler), David Fischer (Harlekin), Thorsten Grümbel (Lautsprecher), Luke Stoker (Tod), Sergej Khomov (Soldat). Foto: Hans Jörg Michel.
Overall der Einzige, Kaiser von Atlantis (Emmett O’Hanlon), erklärt Krieg von Allen gegen Alle. Sein alter Verbündeter, der Tod (Luke Stoker), sieht sich seiner Würde beraubt und verweigert den Dienst. Eng verbunden war der Tod mit dem Harlekin (David Fischer), den niemand mehr haben will. Niemand lacht mehr über ihn, weil er die Lust am Leben verloren hat. Seitdem der Tod aber niemanden mehr sterben lässt, ist die Verbindung getrennt. Und auch Harlekin ist nur noch mehr ein Schatten seiner selbst.
David Fischer (Harlekin). Foto: Hans Jörg Michel.
Zunächst versucht Overall noch, die „Unsterblichkeit“ seiner Kämpfer zu seinem Vorteil zu nutzen. Allerdings wünschen sich diese, der Soldat (Sergej Khomov) und das Mädchen (Anke Krabbe), den Tod bald als Erlösung herbei. Während der Lautsprecher (Thorsten Grümbel) die nicht sterben wollenden Kämpfer preist, versucht der Trommler (Kimberley Boettger-Soller), diese Elenden bei der Stange zu halten. Jedoch fordern die Leidenden angeführt vom Harlekin, der das Lachen wieder gefunden hat, vom Kaiser, dass man sie sterben lasse. Schließlich schreitet der Tod ein, der sich wünscht, nicht nur Zweck an sich und Mittel des Terrors zu sein, sondern die Menschen erlösen zu können.

 

Luke Stoker (Tod), hinten Thorsten Grümbel (Lautsprecher). Foto: Hans Jörg Michel.
Natürlich ist „Der Kaiser von Atlantis“ als Stream ebenso wenig ein Ersatz für den realen Opernbesuch wie eine Fernsehsendung, aber angesichts des andauernden Corona-Lockdowns für Kultur- und Freizeiteinrichtungen eine Möglichkeit, die Deutsche Oper am Rhein zumindest aus der Konserve zu genießen. Allerdings hat es schon seinen Reiz, dass die Kameraführung Teil der Handlung wird und gezielt Akteure in den Bildmittelpunkt setzt.
Vorne Anke Krabbe (Mädchen), hinten Kimberley Boettger-Soller (Trommler). Foto: Hans Jörg Michel.
Zumal die fantastischen Akteure in ihren Rollen gesanglich wie schauspielerisch glänzen. Die Komposition von Vektor Ullmann zu einem Libretto von Peter Kein kommt mit kleiner Besetzung aus. Die Aufzeichnung der Inszenierung von Ilaria Lanzino stammt vom 10. Oktober vor Corona-Publikum aus dem Opernhaus Düsseldorf, so dass hier für die musikalische Begleitung die Düsseldorfer Symphoniker unter der Leitung von Axel Kober zum Einsatz kamen. Für Bühnenbild und Kostüme zeichnet Emine Güner verantwortlich, das Lichtdesign stammt von Thomas Diek. Gesungen wird in deutscher Sprache, Untertitel erleichtern das Verständnis der Handlung.

 

Links Emmett O’Hanlon (Overall), rechts David Fischer (Harlekin). Foto: Hans Jörg Michel.
In knapp einer Stunde erzählt eine Art Oper in vier Bildern die Geschichte vom „Leben, das nicht mehr lachen, und vom Sterben, das nicht mehr weinen kann, in einer Welt, die verlernt hat, am Leben sich zu freuen und des Todes zu sterben“, so der Lautsprecher. Es kommt zu Aufständen lebender Toter gegen die erzwungene Unsterblichkeit. Das Sterben verliert seinen Schrecken, wird von den Leidenden ersehnt. Der Tod bietet an, seinen Streik zu beenden, wenn der Kaiser das Opfer bringt, zuerst zu sterben. Das endet Willkür und Terror des totalitären Herrschers. Ein zutiefst menschliches Stück, was zum Nachdenken anregt. Die Figuren sind stark überzeichnet und wirken in ihrem erzwungenen Schicksal fast komisch. Die Sänger bringen ihre Charaktere ausdruckstark zum Leben. Und weil schlussendlich der Tod seinen Schrecken verliert, kann auch das Leben (und der Harlekin) wieder lachen.

 

 
Oper aus dem KZ

Der Tod fordert ein Opfer: vorne Emmett O’Hanlon (Overall), hinten Luke Stoker (Tod). Foto: Hans Jörg Michel.
Viktor Ullmann komponierte seine Opernparabel „Der Kaiser von Atlantis“ in den Entbehrungen und Schrecken des Konzentrationslagers Theresienstadt zu einem Libretto von Peter Kien. Das Werk, das von den Lagerbedingungen vom Sujet bis zur Instrumentierung bestimmt wurde, stellt allegorisch Leben (Harlekin) und Tod gegenüber. Es war der Versuch und Wille seiner Schöpfer, im KZ in Kunst umzusetzen, was ihnen im Leben verwehrt war: Der Ausdruck des Widerstandes gegen ein menschenfeindliches Regime. Obwohl die Proben in vollem Gange waren, wurde das Projekt aus unbekannten Gründen vor der geplanten Premiere abgebrochen. Am 16. Oktober 1944 wurden Viktor Ullmann und Peter Kien im Rahmen der so genannten „Künstlertransporte‟ nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Auch die meisten ihrer Mitstreiter überlebten nicht.

 

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Die Aufführung ist verfügbar bis 30. April 2021
Der Stream startet über den Pfeil im Header-Bild.
https://operavision.eu/de/bibliothek/auffuehrungen/opern/der-kaiser-von-atlantis-deutsche-opera-am-rhein

 
Der Stream der Oper ist kostenfrei zugänglich. Eine Einführung gibt es als Audio-Opernführer unter https://www.operamrhein.de/de_DE/opernfuehrer-audio der auf Operavision im Slider rechts.

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Weitere Informationen zur Oper gibt es hier:
https://operamrhein.de/de_DE/repertoire/der-kaiser-von-atlantis.1225803

 

 
Das digitale Angebot der Deutschen Oper am Rhein
Auf ihrer Webseite operamrhein.de und ihren Social Media Kanälen (u. a. YouTube) bietet die Deutsche Oper am Rhein ein umfangreiches digitales Angebot an, das nahezu täglich aktualisiert und erweitert wird. Mit unterschiedlichen Formaten und einem kostenlosen „Stream on demand“ der Oper „Der Kaiser von Atlantis“ ermöglicht es viel­fältige Einblicke in die Probenarbeit während des Lockdowns. Unter anderem besteht das digitale Angebot aus:

  • „Making of: Tristan & Isolde“: Eine vierteile Filmreihe mit Impressionen der musikalischen und szenischen Probenarbeit und zahlreichen Interviews zu der Produktion, die ab 3. Dezember 2020 Premiere an der Deutschen Oper am Rhein feiern sollte.
  • „A First Date“: Die amerikanischen Filmemacherin Daisy Long stellt die Tänzerinnen und Tänzer des Ballett am Rhein in einer dreiteiligen Dokumentation vor.
  • „Opernführer Audio“: Werkeinführungen mit Hintergrundinformationen zu Musik und Inhalt ausgewählter Stücke des Spielplans sind, gesprochen von der Dramaturgie, als Audio-Files abrufbar.
  • „Romeo & Julia“: Die Premiere zu Boris Blachers Oper war für November geplant. Auf ihrer Webseite gibt die Deutsche Oper am Rhein digitale Einblicke in die Proben, zusätzlich stehen Auszüge aus dem (noch unveröffentlichten) Programmheft bereit.
  • Auch ans junge Publikum ist gedacht: Der digitale Adventskalender der Jungen Oper am Rhein bietet täglich neue kreative Überraschungen für alle Altersgruppen.

Mehr Informationen gibt es hier.

 
© 2020 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Hans Jörg Michel

 

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