Emscherkunstweg reicht jetzt bis in den Landschaftspark Duisburg-Nord

Anzeige

Die „Neustadt“ als Blickfang am Grünen Pfad weckt Erinnerungen
Von Petra Grünendahl

Von links: Kuratorin Britta Peters mit den Künstlern Marta Dyachenko und Julius von Bismarck vor dem Goliath, vorne das Freizeit- und
Allwetterbad Schwerte. Foto: Daniel Sadrowski.
„Miniaturstädte werden üblicherweise als ‚best of’ einer Region oder Stadt gebaut. Wir sind mit einem anderen Anspruch an unser Werk gegangen“, erklärte der in Berlin lebende Künstler Julius von Bismarck (*1983). Aus Stahl, Beton, Edelstahl und Aluminium, mit Fensterverzierungen, Wandreliefs, unzähligen kleinen Fensterscheiben aus Acrylglas äußerst ausgefeilt umgesetzt, bringen die Bauten Gewichte von 350 Kilogramm bis 6,6 Tonnen auf die Waage.
Julius von Bismarck und Marta Dyachenko vor den City Wohnturm Bergkamen, vorne das Gammel-Wohnhaus Hamm. Foto: Daniel Sadrowski.
Von Bismarck hat in Zusammenarbeit mit der Architektin und Künstlerin Marta Dyachenko (*1990 in Kiew/Ukraine) jeden Bau in der „Neustadt“ eigenständig und eine Skulptur für sich konzipiert. Auf einer Grünfläche am Fahrradweg „Grüner Pfad“ zwischen Alter Emscher und A42 sind zwei Straßenzüge entstanden, an denen Nachbauten von abgerissenen Gebäuden aus dem Ruhrgebiet eine fiktive Stadt, die „Neustadt“, bilden. Wichtig war den Künstlern nicht der originalgetreue Nachbau, sondern dass die Bauten ihrem gealterten Zustand beim Abriss entsprechen: Vom Leben gezeichnet stehen sie für ihre Zeit im Ruhrgebiet.
Von links: Volkshochschule Essen, Citywohnturm Bergkamen, Gammel-Wohnhaus Hamm und Kirche St. Joseph Essen. Foto: Julius von Bismarck.
Von 1904 bis in die Mitte der 1970er-Jahre entstammen die Originale, die Stück für Stück seit 2006 abgerissen worden waren. „Hier wurde Geschichte wird aus dem Stadtbild getilgt“, erklärte Kuratorin Britta Peters, künstlerische Leiterin der Urbane Künste Ruhr. „Das waren politische Entscheidungen.“

 
 

Gruppenbild (von links): Prof. Dr. Uli Paetzel, Marta Dyachenko, Britta Peters, Dr. Vera Battis-Reese, Julius von Bismarck und Karola Geiß-Netthöfel. Foto: Daniel Sadrowski.
Die „Neustadt“ ist das mittlerweile 19. Kunstwerk entlang des Emscherkunstwegs, der von der Emscherquelle in Holzwickede bis zur Mündung in den Rhein führt. Das erste Kunstwerk auf Duisburger Boden stellten Karola Geiß-Netthöfel (Regionaldirektorin Regionalverband Ruhr RVR), Prof. Dr. Uli Paetzel (Vorstandsvorsitzender der Emschergenossenschaft) und Dr. Vera Battis-Reese (Geschäftsführerin Kultur Ruhr GmbH) zusammen mit den Künstlern Julius von Bismarck und Marta Dyachenko sowie Kuratorin Britta Peters online vor.
Vorne die Volkshochschule Essen, hinten Citywohnturm Bergkamen, rechts die Kirche St. Joseph Essen. Foto: Julius von Bismarck.
Die Auswahl der Gebäudetypen und Bauaufgaben folgte keinem strengen System, sondern ästhetischen, skulpturalen Kritierien und dem Wunsch der Künstler, einen Querschnitt des lokalen Städtebaus aufzuzeigen. So steht neben einem Essener Mietshaus aus der Gründerzeit der Wohnkomplex einer einstigen Modellsiedlung von 1965 oder die Wohnanlage „Goliath“ (beide aus Marl). In der Nachbarschaft der „Neustadt“ erzählen weitere Wohneinheiten im Plattenbaustil von der Sozialgeschichte der 1960er- und 1970er Jahre. Schulen, Kirchen und Schwimmbäder komplettieren das Bild. Aus Duisburg stammen der Hochbunker vom Hochfelder Markt (Abriss 2016) und die Pauluskirche in Marxloh (Abriss 2014). Die Auswahl lässt natürlich auch Fragen zum Denkmalschutz aufkommen, gehörten manche Gebäude doch einst zu den Ikonen der modernen Architektur der Nachkriegszeit. Vielen Bauten ist gemein, dass sie auf eine lange „Leidensgeschichte“ zurückblicken können: Oftmals verfielen die Architekturen, weil von den Verantwortlichen eine Nutzung, Umnutzung oder Sanierung nicht errungen werden konnte. Die „Neustadt“ eröffnet eine Erinnerungsmaschine, die über das privat Erlebte hinausgeht.

 

Von links: Volkshochschule Essen, Citywohnturm Bergkamen, Gammel-Wohnhaus Hamm und Kirche St. Joseph Essen. Foto: Daniel Sadrowski.
Die Arbeit provoziert Fragen zur Entwicklung des urbanen Raums: Warum wurde dieses Gebäude abgerissen? Wer entscheidet, ob eine Architektur erhaltenswert ist? Aus ökologischer Sicht würde man manches vielleicht heute anders sehen, denn im Beton steckt viel Energie: „Wenn man abreißt, muss man überlegen, ob es verantwortungsvoll ist“, meinte Julius von Bismarck. Offensichtlich spielen ökonomische Aspekte eine große Rolle: Wer kennt nicht das Argument, neu zu bauen sei billiger als eine Sanierung? Weniger bekannt ist, dass die Bau- und Gebäudewirtschaft mittlerweile 38 Prozent der globalen CO2-Emission verursacht. Besonders nachhaltig ist ein Abriss jedenfalls nicht. Ökologische Fragen sind von Bismarck und Dyachenko wichtig: Wie gelingt nachhaltiges Bauen oder eine sinnvolle Stadtplanung, die dauerhaft oder flexibel funktioniert?

[Diese Thematik haben wir kürzlich aus einem anderen Blickwinkel aufgegriffen: siehe auch hier …]

 

Anzeige

 
Die „Neustadt“ in der Metropole Ruhr

Vorne links die Weißen Riesen Kamp-Lintfort, hinten der schwarze Goliath Marl, rechts davor der ein weiterer Wohnkomplex aus Marl. Foto: Daniel Sadrowski.
Entstanden ist die „Neustadt“ im Playmobil-Format von 1:25 in Berlin. Per Binnenschiff kamen die bislang 22 Gebäudekomplexe über den Mittellandkanal, den Dortmund-Ems-Kanal und den Rhein-Herne-Kanal nach Duisburg. Das Kraftwerk Gustav Knepper aus Dortmund (Sprengung im Februar 2019) soll noch folgen und seinen Platz in Duisburg finden. Finanziert wird die die großflächige Installation, die den Emscherkunstweg nun dauerhaft bereichert, vom Land NRW. Die 54. Stadt der Metropole Ruhr, wie die RVR-Direktorin das Werk bezeichnete, ist ab dem 1. Mai auf einem ca. 1.850 Quadratmeter großen Gelände am Rande des Landschaftsparks Duisburg-Nord für Besucher öffentlich zugänglich. Das Areal liegt direkt am Grünen Pfad in etwa dort, wo dieser auf die Emscherpromenade trifft (Karte siehe unten).

Stadt-Miniatur „lebt“ am Emscherkunstweg

Per Binnenschiff gelangten die Bauten der Neustadt zum Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Studio Bismarck.
Für Julius von Bismarck und Marta Dyachenko sind die ehemaligen realen Gebäude „Beton gewordene Visionen“, die jetzt in der „Stadt einer nicht eingetroffenen Zukunft“ wiederauferstehen. Mit der Zeit wird die vorhandene Vegetation die fiktive Stadt einbetten und ihre Maßstäblichkeit verschieben: Sträucher und Pflanzen können wie Bäume wirken. Andere Häuser bleiben selbst in der vielfachen Verkleinerung noch übermenschlich groß. Nicht zuletzt besitzt die neue Stadt aus „alten Häusern“ eine große Aufenthaltsqualität und verführt dazu, über die Entwicklung der eigenen unmittelbaren Umgebung nachzudenken.

Anzeige

Per Binnenschiff gelangten die Bauten der Neustadt zum Landschaftspark Duisburg-Nord. Foto: Heinrich Holtgreve.
Der Emscherkunstweg wird getragen von den Kooperationspartnern Urbane Künste Ruhr, Emschergenossenschaft und Regionalverband Ruhr. Er steht unter der Schirmherrschaft von Isabel Pfeiffer-Poensgen, Ministerin für Kultur und Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen. Der Skulpturenweg ist aus dem temporären Ausstellungsformat Emscherkunst hervorgegangen, das seit 2010 den Umbau des Emscher-Systems durch die Emschergenossenschaft begleitet hat. Ziel ist es, eine permanente Sammlung herausragender künstlerischer Arbeiten im öffentlichen Raum aufzubauen.

Anzeige

Hier geht es zu unserer Fotostrecke …

Hier ist der Link zum Standort bei Google Maps (Karteausschnitt unten) fürs Navi:
https://www.google.com/maps/place/51%C2%B029’04.1%22N+6%C2%B047’29.0%22E/@51.48447,6.7892113,17z/data=!3m1!4b1!4m5!3m4!1s0x0:0x0!8m2!3d51.48447!4d6.7914

Lage der Neustadt am Rande des Landschaftsparks Duisburg-Nord. Karte: Google Maps.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Daniel Sadrowski (5), Julius von Bismarck (2), Studio Bismarck (1), Heinrich Holtgreve (1), Karte: Google Maps

 

Anzeige
Anzeige
Anzeige
Anzeige

Sie muessen eingeloggt sein um einen Kommentar zu schreiben Einloggen