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Grafschafter Museums- und Geschichtsvereins in Moers: Kiesabbau zerstört Kulturlandschaft

Grafschafter Museums- und Geschichtsverein e. V. (GMGV) in Moers nimmt zur Offenlage des Regionalplan-Entwurfs Ruhr zum Kiesabbau Stellung

Kiesabbau zerstört
Kulturlandschaft. Foto: GMGV.
Die Pläne des Regionalverbands Ruhr, Kiesabbau im nördlichen Bereich der Stadt Neukirchen-Vluyn zuzulassen, zeugen von völliger Unkenntnis oder Missachtung der kulturgeschichtlichen Bedeutung der vorgesehenen Fläche, die für die gesamte Region einen identitätsstiftenden Charakter besitzt. Der geplante Abgrabungsbereich grenzt im Westen unmittelbar an das Hesselfeld, nach Ansicht des LINEG-Geologen Lothar Steinberg die „besterhaltene Donk“ im Bereich der Moerser Donkenlandschaft.

Diese Donkenlandschaft erstreckt sich vom Rhein bis zu den Schaephuysener Höhenzügen. Noch bis in die frühe Neuzeit hinein bildete der Rhein dort in Hochwasserjahren ein weitflächig mäandrierendes Netz von Nebenarmen aus, so dass sich von Wasser umspülte Inseln, die heutigen Donken bildeten. Noch lange nach Eindeichung des Rheines im 19. Jahrhundert führten diese, nunmehr vom Fluss abgeschnittenen Altrheinarme zum Teil beträchtliche Wassermengen. Heute nutzt die LINEG das Kendelnetz als Vorfluter.

Während dieser Delta-Charakter im Raum Moers durch Überbauung und Kanalisierung nicht mehr erkennbar ist, hat sich im Norden Neukirchen-Vluyns auf einer Fläche von geschätzt fünfzehn Quadratkilometern eine weitgehend ursprüngliche Donkenlandschaft erhalten, in der sogar für Laien die am Ende der letzten Eiszeit entstandenen unterschiedlichen Geländeprofile gut erkennbar sind. Damit besitzen das Hesselfeld und die angrenzende Boschheide einen ähnlich landschaftsbildprägenden Charakter für die Region wie die (außerhalb des RVR-Gebiets liegenden) Schaephuysener Höhenzüge, die Nieper Kuhlenkette oder die inzwischen begrünte und als Freizeitraum beliebte Halde Norddeutschland. Der Blick von dort über Hesselfeld und Boschheide gehört zu den schönsten Ausblicken am gesamten Niederrhein.

Wäre schon die geologische Bedeutung des letzten intakten Rests der Moerser Donkenlandschaft ein Grund, jegliche Beeinträchtigung zu unterbinden, macht die kulturhistorische Bedeutung einen Erhalt der Fläche in ihrer jetzigen Struktur geradezu zwingend. Abseits des Rheines gehörten Donken am Niederrhein zu den frühesten Siedlungsgebieten. Die Etymologie des Wortes lässt darauf schließen, dass Donken schon in keltischer Zeit besiedelt wurden. Spätestens mit den von den Klöstern Werden und Kamp, aber auch St. Maria im Kapitol zu Köln ausgehenden Erweiterungen landwirtschaftlicher Flächen wurden Donken durch teilweise Entwässerungen und Rodungen zum Siedlungsgebiet. Dabei entstand ein durch die Landschaft und ihre Ökologie vorgegebenes Muster. Die meisten Höfe wurden in unmittelbarer Nähe der Kendel gebaut, so dass Vieh und Menschen stets ausreichend Frischwasser zur Verfügung hatten. Zum Teil wurden, wie noch jetzt erkennbar, Kanäle um die Gehöfte herum abgezweigt, so dass die Höfe wie eine kleine Wasserburg zu verteidigen waren. Da die Nähe zum Wasser aber bei Deichbrüchen des Rheins leicht zum Verhängnis werden konnte, wurden häufig in höher gelegenen Gebieten so genannte Wasserhäuser errichtet, in die sich Menschen mit ihrem Vieh flüchten konnten. Auf dem am Vietengraben gelegenen Winkelshof etwa ist ein solches Wasserhaus immer noch erkennbar.

Die Überflutungsflächen in Nähe der Gräben wurden für die Weidewirtschaf, die auf den Donken liegenden Felder für den Ackerbau genutzt. An dieser Aufteilung von Hof, Weide und Acker hat sich bis auf den heutigen Tag nichts geändert. Die Ausweisung großflächiger Auskiesungsgebiete, die laut Regionalplan bis dicht an den westlichen Bereich der Donk Hesselfeld heranreicht, würde diese seit Jahrhunderten bestehende kulturlandschaftliche Struktur unwiderbringlich zerstören.

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Die Tranchot-Karte zeigt Neukirchen um das Jahr 1830. Von Hand eingezeichnet ein Teil des beabsichtigten Abbaugebiets. Quelle: GMGV.
Gleichermaßen landschaftsbildprägend ist die Einbettung der Höfe in die sie umgebenden Felder und Wiesen. Auch diese Beziehung würde zerschnitten. Die Forschungsarbeiten von Annette Brüggestraß, die im Archiv der Stadt Neukirchen-Vluyn einsehbar sind, haben nachgewiesen, dass ein Teil der Höfe, die im Folgenden aufgelistet werden, eine Geschichte bis in die karolingische Zeit haben. Für viele liegen urkundliche Erwähnungen bereits aus dem 14. und 15. Jahrhundert vor. Schaut man auf die ältesten, zu Beginn des 19. Jahrhunderts entstandenen Landkarten (M. Buyx, Tranchot, preuß. Urkarte), stellt man fest, dass in den vergangenen 200 Jahren nicht nur Zahl und Lage der Höfe, sondern auch die Namen weitgehend unverändert erhalten geblieben sind.

Die lockere Ansammlung dieser rings um die Donk Hesselfeld angeordneten Höfe ist mehr als nur eine zufällige Zahl verstreuter Gehöfte, aber weniger als eine Dorfgemeinschaft mit verbindlichen weltlichen und kirchlichen Traditionen. Gemeinsamkeiten entstanden dort durch die Pflege des Brauchtums, Spinnabende für die Frauen, gegenseitige Hilfe in Notlagen oder Heiratsbeziehungen. Die bis heute gewahrt gebliebene räumliche Anordnung der landwirtschaftlichen Einheiten spiegelt somit auch ein Netz historischer sozialer Beziehungen wider.

Schlussfolgerung
Die geplanten Auskiesungen in der Boschheide westlich des Hesselfelds würden eine historisch bedeutsame Kulturlandschaft auch dann zerstören, wenn die oben genannten Gebäude und die Donk Hesselfeld selbst unangetastet blieben. Zum einen wäre der typische Donkencharakter einer von Kendeln umspülten Erhöhung durch Kiesgruben und die damit verbundenen Umgestaltungen der Landschaft nicht mehr erkennbar. Zum anderen würde der Kiesabbau in unmittelbarer Nähe der historischen Höfe deren Einbindung in die Landschaft beenden. Und schließlich würde auch das rings um die Donk laufende Wegenetz, durch das die Geschichte der Region für viele Erholungsuchende erfahrbar gemacht wird, zerstört.

Der GMGV erlaubt sich darauf hinzuweisen, dass der in Neukirchen-Vluyn beabsichtigte Kiesabbau im Gegensatz zu den Zielen des Regionalplans steht.
Grafschafter Museums- und Geschichtsverein e. V. (GMGV)

 

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