Aus Gegensätze zu neuen Konstellationen Von Petra Grünendahl Flaka Haliti: Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay) #3 (vorne) und #2 (hinten), 2019. Foto: Fabian Strauch. Courtesy the artist and Deborah Schamoni. _________________________________________________Durch die Neuanordnung von Materialien und Gegenständen, die die Künstlerin Flaka Haliti (*1982) ihren ursprünglichen Fundorten, ihrem Zweck und ihrer Zeit entnimmt, entstehen neue Konstellationen, eine anschauliche Reflexion über die Überwindung von Grenzen, über Macht und Identität. Mit feinem Humor und sensibler Poetik regen Halitis Werke an, neue Möglichkeiten jenseits der gewohnten Pfade des Denkens in Betracht zu ziehen. Für Besucher des Lehmbruck Museums erschafft sie ein Raum-Ensemble, das für die Architektur im wahrsten Wortsinn geschaffen ist und zugleich einen Kontrapunkt setzt: Trotz der transparenten gläsernen Hülle der Architektur grenzt sich das Werk von seiner Umgebung ab. Die Installation definiert einen inneren Bereich, den die Betrachtenden erkunden können. Die dabei zu entdeckenden skulpturalen Elemente vereinen verschiedenste Gegensätze in sich – das Vertraute und das Fremde, das Alte und das Neue, das Technoide und das Menschengemachte überbrücken verschiedene Zeiten und verbinden sich im Raum zu einem raumgreifenden Gesamtwerk. Höhepunkt der Präsentation ist eine Neuproduktion der Künstlerin: Fenster eines ehemaligen Militärhangars der KFOR (Kosovo Force) werden in silbern schimmernde Stahl- und Aluminiumkonstruktionen gefasst und erheben sich zu überlebensgroßen Lichtskulpturen im Raum. Heute ist ebendieser ehemalige Militärstandort der Sitz einer Kulturinstitution: So fungieren die Werke als ein Sinnbild für Veränderung.
Flaka Haliti: Blick in die Ausstellung. Foto: Fabian Strauch. ______________________________________________Im Rahmen seiner Reihe „Sculpture 21st“ zeigt das Lehmbruck Museum Installationen von Flaka Haliti, die zu den profiliertesten und eigenwilligsten Künstlerinnen ihrer Generation zählt. Im letzten Jahrzehnt hat sie eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt, die aus dem reichen Formenrepertoire der Skulptur, der Fotografie, der Architektur und der Installationskunst schöpft. Mit konzeptueller Präzision und großer Imaginationskraft wählt sie Materialien (oft aus unserer Alltagswelt) und fügt sie scheinbar leichthändig zu immersiven Inszenierungen zusammen. Die Künstlerin transformiert Materialien und verwandelt sie in etwas Neues, das viele Bedeutungen in sich trägt. Seit der vergangenen Woche ist Flaka Haliti im Lehmbruck Museum zu sehen. Die Ausstellung wird gefördert durch die Stiftung Kunst, Kultur und Soziales der Sparda-Bank West sowie durch die Duisburger Akzente, zu denen sie im kommenden Jahr gehören wird. Die Produktion der Kunstwerke erfolgt mit Unterstützung der Stiftung Stark für Gegenwartskunst, der Christine König Galerie und der Galerie Deborah Schamoni.
Flaka Haliti: Every window thinks of itself as an opening, 2025. Foto: Fabian Strauch. Courtesy the artist, Christine König and Deborah Schamoni. ________________________________________________In ihrer Werkreihe “Its urgency got lost in reverse (while being in constant delay)“ (zu Deutsch: „Ihre Dringlichkeit ging im Rückwärtsgang verloren (während sie sich in ständiger Verzögerung befand)“) widmet sich Haliti den bis heute anhaltenden Spannungsverhältnissen in ihrer Heimat Kosovo. Sie nutzt Überreste aufgegebener Militärlager der KFOR und verwandelt sie in farbenfrohe Skulpturen. Dem Müßiggang frönend scheinen sich die zwei Roboter an ihren eigentlichen Zweck nicht zu erinnern. Nur das Material selbst, unter greller Farbe getarnt, verweist auf seine militärische Vergangenheit – nun jedoch in freundlicher, humorvoller Form. In einem scheinbar virtuellen Raum platziert, eröffnen die Skulpturen Momente der Leichtigkeit. Schimmernde Flügel, die an Engelsdarstellungen der Renaissance erinnern, verstärken das Bild und eröffnen gleichzeitig einen Moment der Hoffnung. Haliti stellt die Verbindung zwischen Ästhetik und Kriegsführung her und übt Kritik an dem globalen Narrativ von Macht und Dominanz. Geprägt von der ständigen Präsenz militärischer Ästhetik in ihrer Heimat Kosovo, stellen die Werke von Flaka Haliti dieser einen transformierten Entwurf gegenüber. Es entstand der von der Künstlerin geprägte Begriff der „demilitarisation of aesthetics“ (dt.: Demilitarisierung der Ästhetik).
Die Künstlerin und Sculpture 21st Die Künstlerin Flaka Halilti. Foto: Eike Walkenhorst. ____________________________________________Flaka Haliti (*1982 Pristina, Kosovo) studierte Grafikdesign in Pristina und Bildende Kunst an der Städelschule, Frankfurt a. M. Seit 2013 ist sie PhD in Practice-Kandidatin an der Universität für angewandte Kunst, Wien. Mit ihrem Debüt für den Kosovo-Pavillon auf der 56. Biennale in Venedig wurde sie 2015 international bekannt. Sie zeigte ihr Werk in Einzelausstellungen u. a. im mumok – Museum moderner Kunst, Wien (2014), in der Nationalgalerie des Kosovo, Pristina (2014), im Kunsthaus Hamburg (2018), in der Nationalen Galerie der Künste, Tirana (2018), der Cukrarna, Ljubljana (2023) und der Galerie Deborah Schamoni, München (2024). Haliti erhielt u. a. den Henkel Art.Award (2013), den Muslim Mulliqi X Award (2014), den ars viva-Preis für Bildende Kunst (2016), den Ludwig-Gies-Preis und die Shortlist-Nominierung für den Preis der Nationalgalerie, Berlin (2019). Sie lebt und arbeitet in München und Pristina.
Unter dem Titel „Sculpture 21st” präsentiert das Lehmbruck Museum seit 2014, anlässlich des 50. Jubiläum des Museums, wechselnde Positionen zur zeitgenössischen Skulptur. Einige der wichtigsten Bildhauer der Gegenwart – unter ihnen Tino Sehgal, Jeppe Hein, Julian Opie, Mona Hatoum, Shirin Neshat und zuletzt Peter Kogler – präsentierten in der ikonischen Glashalle des Museums ihre Werke und zeigten, wie sie die Skulptur im 21. Jahrhundert neu definieren. Die Grenzen der Bildhauerei werden in einem der bedeutendsten Museen für Skulptur in Europa verhandelt, überschritten oder auch gänzlich aufgelöst.
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Die imposante Nordhalle des Lehmbruck Museums mit ihren über sieben Meter hohen Glasscheiben bildet die architektonische Verbindung zwischen Museum und Öffentlichkeit. Mit jeder weiteren künstlerischen Interpretation dieses Raumes durch die gastierenden Künstler wird die außergewöhnliche Museumsarchitektur Manfred Lehmbrucks stets aufs Neue zu einer einzigartigen Raumerfahrung. Mit jeder neuen Präsentation werden neue Schwerpunkte gesetzt und der Ausstellungsraum neu interpretiert. Durch die Glaswände sind die eindrucksvollen Werke auch außerhalb des Museums im Immanuel-Kant-Park sichtbar und bilden so die Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und musealem Raum. Gerade die Reihe „Sculpture 21st“ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Grenzen zwischen Außenwelt und Innenraum aufzulösen und die Öffentlichkeit in die Verhandlungen um die Position der Skulptur mit einzubeziehen.
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Das Lehmbruck Museum Das Lehmbruck Museum im Kantpark. Foto: Petra Grünendahl. ____________________Das mitten in Duisburg im Kantpark gelegene Lehmbruck Museum ist das international bedeutendste Museum für Skulptur der Moderne und der Gegenwart in Europa. Seine Sammlung moderner Plastiken von Künstlern wie Alberto Giacometti, Meret Oppenheim, Pablo Picasso, Barbara Hepworth, Rebecca Horn und natürlich Wilhelm Lehmbruck ist europaweit einzigartig. Beheimatet ist das Museum in einem eindrucksvollen Museumsbau inmitten eines Skulpturenparks mit Werken von Bildhauern wie Alicja Kwade, Julian Opie, Tony Cragg und Dani Karavan, der zum Schlendern und Entdecken einlädt.
Wilhelm Lehmbruck: Der Gestürzte. Foto: Petra Grünendahl. ____________________Namensgeber des Hauses ist der Bildhauer Wilhelm Lehmbruck, der 1881 in Meiderich, heute ein Stadtteil von Duisburg, geboren wurde. Lehmbruck ist einer der bedeutendsten Bildhauer der Klassischen Moderne. Er hat mit seinem Werk maßgeblichen Einfluss auf nachfolgende Künstlergenerationen und ist auch nach seinem frühen Freitod im Jahr 1919 bis heute einflussreich geblieben. Das Lehmbruck Museum entstand 1964 nach den Entwürfen von Lehmbrucks Sohn Manfred (1913–1992). Der ab 1983 errichtete Erweiterungsbau wurde 1987 eröffnet. www.lehmbruckmuseum.de
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Öffnungszeiten und Eintrittspreise Ein Lieblingsmotiv von Wilhelm Lehmbruck: Mutter und Kind. Foto: Petra Grünendahl. ____________________ Zu sehen ist Sculpture 21 mit Flaka Haliti in der Glashalle zum Kantpark bis zum 8. März 2026. Mika Rottenberg mit „Quer Ecology“ wird bis zum 22. Februar 2026 ausgestellt, „Plastik Fantastik“, eine Präsentation der Kunstvermittlung mit Outreach-Programm, geht bis zum 31. Mai 2026. Geöffnet ist das Lehmbruck Museum dienstags bis freitags ab 12 Uhr, samstags und sonntags ab 11 Uhr. Die Öffnungszeiten gehen bis 17 Uhr, donnerstags an Terminen der plastikBAR (erster Donnerstag im Monat ab 17.30 Uhr) bis 20 Uhr. An Feiertagen gelten ggf. besondere Öffnungszeiten. Regulär kostet der Eintritt 9 Euro (ermäßigt* 5 Euro), eine Jahreskarte 35 Euro (ermäßigt* 20 Euro). Kinder und Jugendliche bis 14 Jahre in Begleitung von Angehörigen sowie Blinden- und Demenzbegleitung haben kostenlos Eintritt. Schulklassen und Kindergärten zahlen pro Person 2 Euro (gilt nur für Selbstführergruppen), eine Familienkarte (2 Erwachsene plus Kinder bis 14 Jahre) gibt es für 15 Euro. Jeden ersten Freitag im Monat gilt: „Pay what you want“. Ausgenommen davon sind angemeldete Gruppen.
Zu seinen Sonderausstellungen bietet das Lehmbruck Museum verschiedene Veranstaltungen als Rahmenprogramm an. Öffentliche Führungen durch das Museum gibt es jeden Sonntag um 11.30 Uhr. Für Informationen steht die Kunstvermittlung des Lehmbruck Museums unter Telefon 0203 / 283-2195 oder eMail kunstvermittlung@lehmbruckmuseum.de zur Verfügung (Zu Preisen und Buchungen für Führungen geht es hier). Tickets für Führungen und Veranstaltungen können vorab im Ticket-Shop des Museums gebucht werden.
(*) Ermäßigung erhalten gebuchte Gruppen, Selbstführer ab 20 Personen, Menschen mit Behinderung (ab 70 Prozent), Schüler & Studenten, Wehr- & Zivildienstleistende sowie Menschen im Sozialleistungsbezug.
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