Ehemalige Duisburger Enklave im Braunkohlenrevier: Vom Bagger bedroht

Historischer Gutshof soll dem Braunkohlentagebau weichen
Von Petra Grünendahl

Duisserner Hof: Das verputzte Wohnhaus und der Anbau stammen von 1763. Auf dem Standort des Fotografen standen Anfang 2021 noch Gebäude. Foto: Petra Grünendahl.
Auf den fruchtbaren Lössböden der Jülicher Börde, im Erkelenzer Weiler Lützerath, besaß das Zisterzienserinnen-Kloster aus Duissern schon bald nach seiner Gründung 1234 einen großen Gutshof mit den entsprechenden Ländereien: Den „Duisserner Hof“, den man auch Mönchshof oder Wachtmeisterhof nannte. Den Hof an sich gibt es an dieser Stelle mindestens seit dem 13. Jahrhundert. Als „Halfenhof“ im Besitz des Klosters Duissern wurde er von einem Mönch bewirtschaftet, der die Hälfte seiner Erträge an das Kloster abzugeben hatte. Daher kam wohl auch die Bezeichnung „Mönchshof“. Später wurde daraus ein Pachtverhältnis. Von 1265 bis 1802 war der Hof im Besitz des Klosters, bis Anfang des 19. Jahrhunderts kirchliche Güter enteignet wurden. Die Zisterzienser-Nonnen aus Duissern zogen übrigens 1608 in die Stadt Duisburg: Ins Dreigiebelhaus an der Nonnengasse, bis sie diesen Besitz 1806 ebenfalls aufgeben mussten.

 

Duisserner Hof: Das verputzte Wohnhaus und der Anbau stammen von 1763, die Scheune rechts aus dem späten 19. Jahrhundert. Auf dem Standort des Fotografen standen Anfang 2021 noch Gebäude. Foto: Petra Grünendahl.
Zum Tag des offenen Denkmals öffnete auch der Duisserner Hof sein Tor. Seit 1993 ist der Hof wegen seiner geschichtlichen und kulturhistorischen Bedeutung in die Denkmalliste der Stadt Erkelenz eingetragen. Das Wohnhaus mit Traufanbau stammt von 1763, nachdem der Pächter zu einigem Wohlstand gekommen war. Eine große Scheune ist vermutlich aus dem (späten) 19. Jahrhundert. Zwischen diesen beiden Gebäuden ist im Laufe der Jahrhunderte mehrfach um- und neu gebaut worden, wie man an der Fassade erkennen kann.

 

Kein Bus hält mehr in Lützerath. Foto: Petra Grünendahl.
Lützerath gehörte Jahrhunderte lang zur Gemeinde und Pfarre Immerath, deren Kirche St. Lambertus mit Doppelturmfassade im Volksmund auch Immerather Dom genannt wurde. Auch wenn der Ortsname (als Lutzelenrode) erst 1168 erstmals erwähnt wurde, so war doch bereits seit 1135 ein Gutshof, der Paulshof, im Besitz einer Benediktinerinnen-Abtei in Neuwerk (heute Mönchengladbach).

 

 
Der Duisserner Hof in Lützerath

Das gelbe Kreuz des Widerstandes am Duisserner Hof in Lützerath. Foto: Petra Grünendahl.
Im Zuge der Säkularisierung unter Napoleon ging der Duisserner Hof an den Halfen, durch Einheiratung dann an die Familien Helpenstein und später Heukamp. Heute bewirtschaftet Eckehard Heukamp das Gut, welches als letztes Grundstück in Lützerath noch nicht im Besitz der RWE Power ist. RWE will hierhin und in weitere umliegende Dörfer den Tagebau Garzweiler II ausdehnen. Umsiedlungsstandort für Lützerath ist Immerath (neu), wo auch die Bewohner von Pesch hin siedeln durften, nicht jedoch die Landwirte, von denen es in Lützerath deutlich mehr gab als in allen anderen Orten, die im Gebiet von Erkelenz betroffen waren.

Der Hof ist seit vielen Generationen im Familienbesitz: Den Familiengrabstein vom Immerather Friedhof. hat Eckehard Heukamp gerettet Foto: Petra Grünendahl.
Der alte Ort Immerath, immerhin 1144 erstmals urkundlich erwähnt, ist vollständig abgerissen. Vom Friedhof in Immerath hat Eckehard Heukamp immerhin den Familiengrabstein retten können. Abgerissen wurden Anfang des Jahres auch große Areale von Lützerath, wo sich einst um vier große, aus dem Mittelalter stammende Gutshöfe weitere Wohnbebauung befand. Der verlassene Neuwerker- oder Paulshof ist heute von Security-Mitarbeitern bewacht, um eine Besetzung durch Aktivisten zu unterbinden, die ihrerseits den Abriss des Ortes verhindern wollen. Ein Gebäudekomplex neben dem Duisserner Hof ist eingezäunt und nicht zugänglich.

 

Abgesperrt und mit Sicherheitsdienst zur Bewachung: Der verlassene Neuwerker- oder Paulshof in Lützerath. Foto: Petra Grünendahl.
Derweil kämpft Eckehard Heukamp weiter um den Erhalt seines elterlichen Hofes: „Er hat Widerspruch gegen einen ‚Grundabtretungsbeschluss’ eingelegt“, erzählte Christian Wiltsch, der in dieser Gegend groß geworden ist und bis vor kurzem zwischen Garzweiler und Hambach wohnte. Nun engagiert er sich selber in der bürgerlichen Initiative „Denk mal an der Kante“, die weitere Zerstörungen für den Tagebau verhindern will und zum Tag des offenen Denkmal hier eine Denkmal-Rallye und das Hoffest organisiert hat.

 

Vertreibt die Menschen aus ihrer Heimat: der Tagebau Garzweiler II. Foto: André C. Sommer.
Heukamps Anwalt sehe die Enteignung als rechtswidrig an, so Wiltsch, denn: „Die Braunkohle-Pläne der 1990er-Jahre entsprechen weder neueren Maßgaben zum Klimaschutz noch Gesetzen zum Kohleausstieg.“ Die RWE Power als Betreiberin des Tagebaus wollte den Ausgang einer Klage (gegen besagten Widerspruch) allerdings nicht abwarten und habe eine „vorzeitige Besitzeinweisung“ beantragt, erzählte der Bauingenieur. Eine Entscheidung stehe allerdings noch aus. Die Abgrabungen der umgesiedelten oder sich in Umsiedlung befindlichen Ortschaften und Weiler stehen erst zum Ende der 2020er-Jahre an.

 

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Das benachbarte Keyenberg, die Kirche im Dorf und die Umsiedlung

Gelbe Kreuze markieren den Widerstand an der Kirche Heilig Kreuz in Keyenberg. Foto: Petra Grünendahl.
Zumindest der Vorraum der Kirche Heilig Kreuz in Keyenberg war ebenfalls zum Tag des offenen Denkmals geöffnet. Er gab immerhin Einblicke in die 1866 (Chorraum) begonnene und 1912 bis 1913 (das dreischiffige Langhaus) fertig gestellte, im neugotischen Stil errichtete Kirche, die ihre Gründung auf das Jahr 714 tradiert. Durch die Glastüren konnte man auch das ewige Licht auf dem Altar erkennen. Die ursprünglichen Baupläne aus den 1860er-Jahren sahen eine Doppelturmfassade vor, realisiert wurde aber nur ein Glockenturm. Die Kirche ist seit 2019 im Besitz der RWE Power, allerdings noch nicht entweiht. Dennoch ließ das Bistum Aachen kürzlich in einer Nacht- und Nebelaktion aus dem denkmalgeschützten Bau (!) die Glocken entfernen, um sie in einer neuen Kapelle in Neu-Keyenberg aufzuhängen. Obwohl in der Kirche keine Gottesdienste mehr stattfinden, hat dies bei den verbliebenen Keyenbergern – zu 30 Prozent ist der Ort noch bewohnt – massives Missfallen ausgelöst. Es soll deswegen auch schon Kirchenaustritte gegeben haben.

 

Keine Perspektive: Wenn seine Bäckerei in Keyenberg geschlossen wird, hängt Wolfgang Laumanns seinen Beruf an den Nagel. Foto: Petra Grünendahl.
Obwohl die Ortschaften des künftigen Tagebaus schon seit Jahren umgesiedelt werden, leben immer noch Menschen dort, für die die neuen Wohngebiete keine Option sind. Bäckermeister Wolfgang Laumanns hat Backstube und Bäckereigeschäft direkt gegenüber von Heilig Kreuz. Mit einer Verkaufsstelle dürfte er auch nach Neu-Keyenberg ziehen, aber da die Ansiedlung (wie alle Neusiedlungen) als „Wohngebiet“ gilt, kann er seine Backstube nicht mitnehmen.
Prachtvolle Neugotik hinter Glas: Das Innere der Kirche Heilig Kreuz in Keyenberg. Foto: Petra Grünendahl.
Er müsste sie in einem Gewerbegebiet errichten, wo schon die Grundstückspreise weit über den Entschädigungen liegen, die RWE Power gezahlt hat. Einen Kredit für einen Neubau in mittlerer sechsstelliger Höhe bekommt er nicht. Da er ohnehin keinen Nachfolger hat, hängt er seinen Beruf an den Nagel, wenn die RWE Power Keyenberg abreißen lässt. Damit werden dann auch seine Verkäuferinnen arbeitslos. Ähnlich geht es nicht wenigen anderen Angestellten (und Auszubildenden) von kleinen Unternehmen und Gewerbetreibenden in den Umsiedlungsgebieten, die ja als Dörfer durchaus Gewerbeflächen haben durften. Manch einer macht den Laden ganz dicht, andere ziehen unter Umständen weiter weg. Dem Arbeitsmarkt vor Ort gehen sie damit verloren!

 

Prachtvolle Neugotik hinter Glas: Das Innere der Kirche Heilig Kreuz in Keyenberg. Foto: Petra Grünendahl.
Ohnehin ist das mit der Umsiedlung für die Menschen in den alten Ortschaften nicht leicht: Lediglich etwa die Hälfte bis 60 Prozent ziehen in die neuen Wohngebiete. Für Mieter – egal, ob Haus oder Wohnung – sind die Mieten in den Neubauten viel zu hoch: Das Doppelte bis mitunter Dreifache müssten sie an Quadratmeterpreisen zahlen. Das kann sich nicht jeder leisten. Auch kriegen die Eigentümer in den Umsiedlungsorten nur „Altbauten“ erstattet, sollen sich davon in den Neubaugebieten aber „Neubauten“ kaufen können. Und: Alte Leute bauen nicht mehr neu. Jüngere Leute und (erwachsene) Kinder ziehen mit der Entschädigung ganz weg aus der Region. Und wer als Landwirt keinen Hof außerhalb des Tagebau-Gebietes findet, den er als Nachfolger übernehmen kann, bekommt nur eine Entschädigung und kann seinen Beruf aufgeben.

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Widerstand gegen Tagebau und Umsiedlung

Widerstand gegen die Umsiedlung: Die Rheinbraun ist 2003 in der RWE Power AG aufgegangen. Foto: Petra Grünendahl.
Der Widerstand in einigen Dörfern gegen Umsiedlung und Abriss vereint Klimaaktivisten, die hier gegen Tagebau und Zerstörung protestieren, in einer eher ungewöhnlichen Allianz mit dem bürgerlichen Bündnis „Alle Dörfer bleiben“ und der Initiative „Denk mal an der Kante“, die sich früher eine solche Zusammenarbeit gar nicht hätten vorstellen können: Bodenständige Menschen, die einfach nur ihre Heimat behalten bzw. die Kulturgüter der Region erhalten wollen.

Tagebau Garzweiler. Karte: Arne Müseler / CC BY-SA 3.0.
Wie bei früherem Tagebau im Rheinischen Braunkohlenrevier werden die Bergbauflächen nach Beendigung der Förderung zugeschüttet und renaturiert. Allerdings stößt die Renaturierung an Grenzen: Die künstlichen Seen, die in den rekultivierten Bereichen angelegt werden, haben einen gewissen Freizeitwert, können aber die fruchtbaren Ackerböden der Region, die vor ihrer Abgrabung wahre Kornkammern darstellten, nicht ersetzen. Eine auf renaturierten Flächen angesiedelte Landwirtschaft kann auf den neuen Flächen gleicher Größe langfristig nicht die Ackerland-Erträge erwirtschaften, die sie auf den alten fruchtbaren Lössböden der Börde-Landschaft hatte.

Mehr Infos und viel Bildmaterial zum Thema gibt es zum Beispiel beim Fotografen Arne Müseler auf www.garzweiler.com.

 

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Der Tagebau Garzweiler II. Fotos: Petra Grünendahl & André C. Sommer

 

Rheinisches Braunkohlenrevier. Karte: Thoroe / CC BY-SA 2.0.

 
© 2021 Petra Grünendahl (Text)

Fotos: Petra Grünendahl (18), André C. Sommer (1),
Karten: Thoroe / CC-BY-SA-2.0-Lizenz, Arne Müseler / CC BY-SA 3.0

 

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