Die „Blauen Engel“ vom THW: die unbekannten Helfer

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Reporterin Pia Mevissen. Foto: privat.
Jeder kennt die Gelben Engel aus dem Straßenverkehr, aber vielen sind „Blauen Engel“, die Helfer des Technischen Hilfswerks (THW), im Alltag nicht präsent. Die Rolle des THW in unserer Gesellschaft ist alles andere als überschaubar.

Eine Reportage über das THW und die Übung des THW OV Duisburg im Trainingsberkwerk Recklinghausen
von Pia Mevissen

„Das THW kennt ja keiner“, sagt Jürgen Tottleben vom THW Ortsverband Duisburg und weiter: „Wenn ich sage, dass ich bei der Feuerwehr und beim THW bin, wissen viele nicht, was das THW ist.“ Dies ist das erste, was ich höre, als ich am Samstagmorgen um halb acht in die Zentrale des Ortsverbandes Duisburg gehe.

Aufstellung im Marschverband und Einweisung durch Sven Wagner. Foto: Pia Mevissen.
An diesem Morgen startet der OV Duisburg mit Unterstützung aus weiteren vier Ortsverbänden in der Region Düsseldorf und den Maltesern eine Übung im Trainingsbergwerk Recklinghausen, um für den Notfall optimal vorbereitet zu sein. Doch an dieser Stelle kommt bei vielen Bürgerinnen und Bürgern die Frage auf, was das THW ist und macht: Die Bundesanstalt Technisches Hilfswerk (THW) ist mit rund 80.000 ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern die Einsatzorganisation des Bundes im Bevölkerungs- und Katastrophenschutz. Sie ist – jederzeit einsatzbereit – im In- und Ausland tätig und hat ein vielfältiges Aufgabenspektrum, wie zum Beispiel: Bergung, Rettung, Trinkwasserversorgung, Brückenbau usw.

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Verletzte, noch nicht gerettete Schülerin im Bergwerk. Foto: Pia Mevissen.
Viele von den ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern sind an diesem Samstagmorgen schon früh aufgestanden, um pünktlich bei der Begrüßung des Ortsbeauftragten Peter Bunzeck zu erscheinen. „Glück auf!“, sagt Zugführer Sven Wagner und gibt letzte Anweisungen für die Marschverbandsfahrt. Rettungsdienste, Polizei und Bundeswehr sind oft im Marschverband unterwegs. Dabei gilt, dass alle Fahrzeuge bis auf das Letzte auf der rechten Seite eine Flagge führen. Das letzte Fahrzeug hingegen trägt eine grüne Flagge, es kann zusätzlich mit gelbem Blinklicht oder einer Warntafel ausgestattet sein. Das Blaulicht auf den Fahrzeugen darf angeschaltet sein und als ein geschlossener Verband darf er komplett bei Rot über die Ampel fahren, wenn das erste Fahrzeug sie noch bei Grün geschafft hat.

Rettung einer Schülerin mit einer Trage. Foto: Pia Mevissen.
„Im Stollen sind Personen, die gerettet, zu den Maltesern gebracht und gemeldet werden müssen“, ist alles, was Zugführer Sven Wagner der Übungsgruppe bei der Einweisung preis gibt. Dass zu diesem Zeitpunkt 15 Kinder der THW Schul-AG der Herbert-Grillo-Gesamtschule Duisburg-Marxloh im Stollen versteckt und als unterschiedlich schwer verletzt eingestuft sind, wissen zu diesem Zeitpunkt nur die Übungsleiter und -beobachter.

„Hilfe! Hilfe! Wir brauchen Hilfe!“, rufen die Schülerinnen und Schüler mit verzweifelter Stimme und weiter, „Mein Bein ist eingeklemmt! Aua!“ Dies ist das erste, was die los gesandten Helferinnen und Helfer hören. Natürlich ist von den Kindern alles gespielt, doch teils klingen sie so verzweifelt und echt, dass die Retter sich nicht sicher sind und der Übungsleiter Sven Wagner fragt: „Real? Ist alles gut?“, woraufhin die Schülerin nur loslacht und wieder in ihre Rolle schlüpft. Die Helfer müssen die Kinder, teils in größeren Röhren versteckt, finden, nach Verletzungsgrad in eine Reihenfolge einordnen und nach dieser retten, wobei sie darauf nur auf ihre eigene „Manpower“, wie Jürgen Tottleben sagt, und auf Tragen zurückgreifen können.

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Helfer retten Schüler aus einer Röhre mit einer Trag. Foto: Pia Mevissen.
Obwohl alles nur Übung ist und „ein realer Einsatz“, laut Markus Richmann (OV Düsseldorf) und anderen THWlern, „in keinem Vergleich zur Übung steht“, berichtet ein anderer Übungsteilnehmer: „Wenn ich in diesen Stollen komme und die Rufe höre, dann blende ich alles andere aus, mein Adrenalinspiegel steigt, fühle ich mich wie im realen Einsatz und fange an, wie ich es gelernt habe zu arbeiten und zu retten.“

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„Alles ruhig geblieben, alles top, sehr entspannt und Kommunikation war sehr kollegial, egal ob zwischen THWlern oder zwischen THWlern und Maltesern“, beschreibt Übungsbeobachterin Yasmin Gündogden, Studentin und Übungsbeobachterin aus dem OV Heiligenhaus/Wülfrath, das Verhalten der ca. 20 Helfer von THW und Maltesern bei der Abschlussbesprechung, nachdem alle Kinder nach vier Stunden harter Arbeit gerettet worden sind. Axel May, Übungsteilnehmer vom THW merkt an, dass „das Ziehen der Schüler das Anstrengendste war“, worüber sich auch alle anderen weitgehend einig sind. Dann begeben sich alle nach Abbau und gemeinsamen Grillen auf die Heimkehr – wie auf der Hinfahrt in Marschverbandsfahrt.

THW-Rettungsübung im Trainingsbergwerk Recklinghausen. Foto: Pia Mevissen.
Doch fragt man sich nicht, was die bei diesem Einsatz gut 20 und in ganz Deutschland 80.000 ehrenamtliche Helferinnen und Helfer dazu bewegt, einen so großen Teil ihrer Freizeit für das THW jede Woche aufs Neue freiwillig zu „opfern“? Übungsleiter Sven Wagner sagt, dass er das THW damals „als Alternative zur Bundeswehr“ gewählt habe, doch jetzt wo die Wehrpflicht ausgesetzt ist, fällt dieser Grund weg. Marcel Richter erklärt: „Ich wollte immer Leuten helfen. Eigentlich wollte ich zur Feuerwehr, doch da ich Diabetes habe, ging das nicht. Da habe in einem Video auf YouTube den Spruch ,Egal was du hast, wir finden für jeden einen Platz!’ gehört und bin zum THW gegangen. Außerdem komme ich jetzt in Orte – wie zum Beispiel dieses Bergwerk – wo sonst keiner hinkommt. Zudem schätze ich hier die Kameradschaft sehr.“ Und das 13jährige THW-AG-Mitglied Miguel aus Duisburg-Marxloh ruft stolz: „Ich möchte auf jeden Fall ins THW!“

Untersuchung der geretteten Schüler im Malteserzelt. Foto: Pia Mevissen.
Jeder hat hier also seine eigene Geschichte, doch in einem sind sich alle – wie auch der 19jährige Niklas – einig: „Das THW ist für mich eine zweite Familie.“ – „Durch das THW hat sich mein Leben sehr stark verändert. Ich habe einen anderen Freundeskreis, ich bin mit anderen Leuten aus dem Blaulichtmilieu sofort auf einer Wellenlänge und habe mehr Weitblick, einen anderen Blick auf die Dinge. Zum Beispiel achte ich in meinem Beruf als Leiterin einer Druckerei intensiver auf die Vorgaben zur Arbeitssicherheit oder bilde im Stau sofort eine Rettungsgasse, da ich ein anderes Verständnis für Rettungskräfte habe. Ich bin stolz darauf beim THW zu sein!“, so beschreibt Sylvia Kleinrensing, Pressesprecherin des OV Duisburg, den Einfluss des THW in ihrem Leben.

Übungsleiter Sven Wagner während Abschlussbesprechung. Foto: Pia Mevissen.
Dass sie nicht auf dem Ponyhof sind, merken die „blauen Heinzelmännchen“ stets aufs Neue: „Wir kriegen auch dumme Sprüche. Das ist einfach so“, merkt Sylvia Kleinrensing an und bemängelt weiter: „ Gewalt und Kritik an Hilfskräften nimmt zu. Viele Leute zeigen keinen Respekt. Bei Rosenmontagszügen nehmen wir die Namensschilder von der Jacke.“ – „Beim Pfingststurm Ela 2014 gab es“, so Marcel Richter, „bei McDonalds für jeden Helfer ein Menü gratis. Und als die Issel 2016 über die Ufer trat, haben uns die Anwohner Kaffee und Plätzchen gebracht und als wir ankamen, machten sie eine ,La-Ola-Welle’.“ Dem hängt Marcel Richter noch an: „ Ein ,Danke!’ reicht – Dann ist der Tag für mich super!“ und zu der Frage, welche Anforderungen man für das THW mitbringen sollte sagt er nur: „ Das THW ist ein großer Spielplatz für Leute, die Spaß an Helfen und Technik haben. Ansonsten gilt die Devise: ,Egal was du hast, wir finden für jeden einen Platz!’“ Das ist doch mal ein Satz zum Mutmachen.
Text und Fotos: Pia Mevissen

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Pia Mevissen ist Schülerin, 18 Jahre alt und nimmt zur Zeit an einem Journalistenwettbewerb der Young Leaders Akademie teil.

 

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