Loveparade-Strafprozess: Lopavents ehemaliger Kreativdirektor sagte aus

Tunnel und Rampe sollten nicht voll laufen
Von Petra Grünendahl

Der Loveparade-Strafprozess vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg findet aus Platzgründen im Congress-Center der Düsseldorfer Messe statt. Foto: Petra Grünendahl.
„Als ich nach der Verkündung der Besucherzahlen ins Büro im Hoist-Hochhaus kam, zeigte ein Monitor ein Standbild von der voll gelaufenen Rampe zum Veranstaltungsgelände“, erzählte der Zeuge, der damals im Planungsteam von Lopavent gearbeitet und die Loveparade in Duisburg mit vorbereitet hatte. Produktionsleiter S. hatte ihn dorthin geordert, als die Lage augenscheinlich ernst wurde. „Wie konnte da sein? Wie konnten Rampe und Tunnel so voll laufen?“, fragte er. Vereinzelungsanlagen auf den Zuwegen zum Tunnel hätten genau dieses Szenario verhindern sollen.

Der Loveparade-Strafprozess vor der 6. großen Strafkammer des Landgerichts Duisburg findet aus Platzgründen im Congress-Center der Düsseldorfer Messe statt. Foto: Petra Grünendahl.
In den Zeugenstand hatte die 6. große Strafkammer des Landgerichts Duisburg einen ehemaligen Mitarbeiter der Loveparade-Organisatorin Lopavent GmbH geladen. Nach eigener Aussage war der 47-Jährige als Kreativdirektor für den künstlerischen Bereich verantwortlich. Noch bis Jahresanfang hatte er zu den zehn Beschuldigten gezählt, gegen die im Strafprozess verhandelt worden war. Gegen ihn sowie die sechs Mitarbeiter der Bauaufsicht hatte das Landgericht Duisburg das Verfahren eingestellt. Gegen drei Mitarbeiter von Lopavent wird aktuell wegen fahrlässiger Tötung in 21 Fällen und fahrlässiger Körperverletzung weiter verhandelt.

Der Vorstizende Richter Mario Plein (mitte) mit zwei beisitzenden Richtern beim Loveparade-Strafprozess im Gerichtssaal im Congress Center Düsseldorf. Foto: Lars Heidrich / Funke Foto Services.
Der Vorsitzende Richter Mario Plein ließ den Zeugen wie gehabt zunächst erzählen. Der Bochumer holte weit aus bis ins Jahr 2006, als er noch bei einem McFit in seiner Heimatstadt gearbeitet – und dort mit Eventmanagement für die Fitness-Kette auf sich aufmerksam gemacht hatte. McFit-Chef Rainer Schaller bot ihm einen Job in Berlin an, im Kreativmanagement und Eventmarketing für McFit und schließlich für die Loveparade, als diese ab 2007 im Ruhrgebiet statt fand.

Die lange Suche nach „Schuldigen“

Aus der Unterführung auf der Karl-Lehr-Straße. geht es über die Rampe zum Güterbahnhofsgelände Foto: Petra Grünendahl.
Der heute selbstständige Projektberater sagte zum ersten Mal überhaupt zu den Geschehnissen aus. Der Vorsitzende Richter Plein nannte ihn „eine neue Informationsquelle, die nah dran war.“ In Zusammenarbeit mit den drei Noch-Angeklagten sowie weiteren Lopavent-Mitarbeitern hatte er die Loveparade veranstalterseitig mit geplant. Er bestätigte den drei Angeklagten gewissenhaftes und sorgfältiges Agieren. Mit dem Projektleiter S. hatte der Zeuge schon für Essen und Dortmund zusammen gearbeitet. Ebenso mit dem für die Platzkoordination zuständigen Technischen Leiter S. Lediglich der Sicherheits-Chef W. war erst in der Vorbereitung der Loveparade 2010 in Duisburg dazu gestoßen.

Aus der Unterführung auf der Karl-Lehr-Straße. geht es über die Rampe zum Güterbahnhofsgelände Foto: Petra Grünendahl.
Zunächst habe man lange mit dem Ordnungsamt und dem verantwortlichen Dezernenten Wolfgang Rabe zusammen gearbeitet. Erst später sei das Bauordnungsamt (Bauaufsicht) eingebunden worden. „Sie forderten zunächst auch eine Entfluchtungsmöglichkeit zu den Gleisen hin: Wäre das der Fall gewesen, hätten wir die Loveparade absagen müssen“, erklärte der Zeuge. Das sei aber im Kulturhauptstadtjahr nicht gewünscht gewesen: „Die Loveparade sollte der Leuchtturm der Kulturhauptstadt 2010 werden.“

Juni 2011: Ansichten der Rampe zum alten Güterbahnhof aus dem Jahr 2011. Fotos: Petra Grünendahl.
Die Nachricht von ersten Toten auf dem Veranstaltungsgelände am Abend der Loveparade erreichte sie in ihrem Projektbüro im Hoist-Hochhaus. Die Lage vor Ort an der Rampe kannten die Lopavent-Mitarbeiter nicht: „Wir waren nicht in Telefonkonferenzen eingebunden – und der bei uns platzierte Verbindungsbeamte der Polizei hatte nicht einmal ein Funkgerät“, so der Zeuge.

© 2019 Petra Grünendahl (Text)
Fotos: Petra Grünendahl (5), Lars Heidrich / Funke Foto Services (1)

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